630 Kilometer in 94 Stunden beim Last Soul Ultra: Was beweist diese Leistung wirklich?
20. August 2026
Performance

630 Kilometer in 94 Stunden beim Last Soul Ultra: Was beweist diese Leistung wirklich?

Julian Hosp
Julian HospUnternehmer / Investor / Athlet / Familienvater

Je extremer eine sportliche Leistung ist, desto fitter muss der Athlet sein. Das klingt logisch. Genau darin steckt der Denkfehler.

Mark Dowdle gewinnt den Last Soul Ultra mit 630,4 Kilometern. Die Leistung ist außergewöhnlich. Trotzdem würde ich sie nie anstreben.

Der 94. Start

Beim Last Soul Ultra gilt eine Regel, die jeder in wenigen Sekunden versteht: Zu jeder vollen Stunde startet eine neue Runde über 6,7 Kilometer. Wer rechtzeitig zurück ist, darf warten. Wer die Runde nicht rechtzeitig beendet, scheidet aus. Das Rennen endet erst, wenn nur noch einer übrig ist.

Mark Dowdle, der extra mit Privat Jet eingeflogen wurde, hielt dieses Spiel 94 Stunden lang durch. 94 Starts, 630,4 Kilometer, fast vier Tage Dauerbelastung. Sein letzter Konkurrent Ayyoub El Osrouti schaffte 93 Runden und rund 623 Kilometer. Auf der letzten Runde reichten seine Kräfte nicht mehr.

Dowdles Leistung verlangt eine mentale und körperliche Widerstandsfähigkeit, die nur sehr wenige Menschen besitzen. Er hat dafür meinen vollen Respekt. Die naheliegende Schlussfolgerung lautet deshalb: Wer 630 Kilometer durchhält, verkörpert die höchste Form von Fitness. Aber stimmt das wirklich?

Die falsche Gleichung

Im Sport verwechseln wir „extrem“ schnell mit „besser“. Ein Marathon ist beeindruckend. 100 Kilometer wirken noch beeindruckender. 630 Kilometer müssen dann automatisch die nächste Stufe sportlicher Entwicklung sein.

Das Problem: Fitness ist keine einzelne Skala. Schnelligkeit, maximale Sauerstoffaufnahme, Kraft, Belastbarkeit, Erholungsfähigkeit und langfristige Gesundheit sind unterschiedliche Fähigkeiten. Ein Wettkampf kann eine davon maximal testen und andere dabei kaum verbessern oder sogar vorübergehend verschlechtern.

Ich möchte zehn Kilometer schneller laufen, meine VO₂max erhöhen, unter Ermüdung weiterhin Leistung abrufen, stärker werden und diese Fähigkeiten auch in vielen Jahren noch nutzen. Mich reizt ein HYROX unter einer Stunde deutlich mehr als die Frage, wie lange ich meinen Körper ohne längere Erholung weiterbelasten kann.

Damit sage ich nicht, dass Dowdles Leistung weniger wert ist. Ich sage etwas anderes: Eine außergewöhnliche Fähigkeit ist nicht automatisch eine Fähigkeit, die jeder entwickeln sollte.

Die entscheidende Trainingsfrage lautet nicht: Wie viel halte ich aus? Sie lautet: Welche Fähigkeit baue ich damit auf?

Wann Belastung zum Selbstzweck wird

Training bedeutet Belastung. Ein Intervalltraining darf wehtun. Ein Long Run darf mehrere Stunden dauern. Nach einem HYROX Rennen kann ich komplett leer sein. Belastung ist aber nur dann produktiv, wenn hinter ihr ein konkreter Reiz steht und der Körper anschließend Zeit bekommt, sich daran anzupassen.

Wenn ich Intervalle laufe, möchte ich schneller werden. Beim Krafttraining möchte ich Kraft und Belastbarkeit aufbauen. Lange Läufe verbessern meine aerobe Basis und meine Fähigkeit, Leistung nach längerer Belastung stabil zu halten. Der Schmerz ist dabei nicht das Ziel. Er ist höchstens der Preis für einen klar definierten Trainingsreiz.

Bei mehreren Hundert Kilometern innerhalb weniger Tage verschiebt sich dieses Verhältnis. Irgendwann geht es nicht mehr primär um zusätzliche Anpassung. Es geht darum, Schlafmangel, Energiedefizit, Muskelschäden und mentale Erschöpfung länger auszuhalten als der letzte Konkurrent. Das ist eine faszinierende Grenzerfahrung. Es ist aber eine andere Aufgabe als normales Ausdauertraining.

Bei solchen Ultraevents sind belastungsbedingte Hyponatriämie, starke Muskelschädigungen bis zur Rhabdomyolyse und akute Nierenprobleme dokumentiert. Das bedeutet nicht, dass jeder Ultraläufer diese Probleme bekommt oder dass Ultralaufen grundsätzlich ungesund ist. Es bedeutet nur, dass eine Belastung über mehrere Tage gesundheitlich nicht mit einem üblichen Trainingslauf gleichgesetzt werden darf.

Der wertvollste Teil passiert vor dem Rennen

Hier liegt das eigentliche Paradox: Der gesundheitlich und sportlich wertvollste Teil einer solchen Leistung passiert wahrscheinlich lange vor dem Start. Wer 630 Kilometer schafft, hat über Jahre eine enorme aerobe Basis, belastbare Muskulatur, Disziplin und außergewöhnliche Ausdauer aufgebaut.

Genau diese Vorbereitung finde ich spannend. Sie schafft Fähigkeiten, die auch außerhalb des Events einen Wert haben. Ob anschließend noch die nächsten 300 oder 400 Kilometer dazukommen, ist für mich eher eine Frage der Grenzerfahrung als ein zusätzlicher Gesundheitsgewinn.

Die gleiche Diskussion hatte ich bereits bei Arda Saatçis 600 Kilometer Challenge. Ich fand seine mentale Leistung stark und das Projekt medial hervorragend umgesetzt. Sportlich hat es mich trotzdem kaum angesprochen. Mein Filter war damals derselbe wie heute: Welche Art von Körper und Leistungsfähigkeit will ich über viele Jahre aufbauen?

Warum das Event trotzdem genial ist

Aus Eventperspektive ist der Last Soul Ultra nahezu perfekt. Die Regel ist sofort verständlich. Jede Stunde beginnt ein neues kleines Rennen. Mit jeder Runde wird dieselbe Frage größer: Wer steht zum nächsten Start wieder an der Linie?

Du brauchst keine Zwischenzeiten, Wattwerte oder tiefes Verständnis für Laufsport, um mitzufiebern. Du siehst Menschen, die von Stunde zu Stunde müder werden. Du weißt, dass das Ende kommen muss. Du weißt nur nicht, wann und bei wem.

Die Gesamtzahl der Zuschauer bestätigt das ebenfalls:

Bei Ardas Challenge war die mediale Inszenierung ein großer Teil des Erfolgs. Red Bull hatte verstanden, wie man aus einem extremen und sofort verständlichen Ziel eine Geschichte macht, die Menschen über Tage verfolgen. Der Last Soul Ultra erzeugt diesen Spannungsbogen bereits durch sein Regelwerk.

Sportlich würde ich selbst nicht starten. Als Unternehmer und Medienmensch würde ich das Format sehr genau studieren. Es verwandelt eine monotone Wiederholung in eine Geschichte mit einer permanent offenen Frage.

Härte ist eine schlechte KPI

Die wichtigste Lektion betrifft deshalb nicht nur Ultraläufe. Härte allein ist keine gute Trainingskennzahl. Ein kontrollierter Zone 2 Lauf kann langfristig wertvoller sein als ein spektakuläres Workout, bei dem ich mich komplett abschieße.

Eine Threshold Einheit, die ich im richtigen Moment beende, kann mehr Fortschritt produzieren als eine zusätzliche Wiederholung, die nur noch Ermüdung erzeugt. Aufzuhören, wenn der geplante Reiz gesetzt ist, ist keine Schwäche. Es ist Trainingsdisziplin.

Diese Form von Training sieht weniger spektakulär aus. Sie passt aber besser zu dem Körper, den ich haben möchte: schnell, stark, belastbar und über viele Jahre leistungsfähig.

Mein Filter für Sport

Je länger ich trainiere, desto weniger interessiert mich eine Leistung nur deshalb, weil sie extrem ist. Ich bewerte sie nach drei Fragen. Welche Fähigkeit baue ich auf? Welchen Preis zahle ich in Form von Ermüdung, Risiko und Erholungszeit? Passt das Erlebnis zu dem Leben und dem Körper, die ich langfristig haben möchte?

Zu diesem Filter gehört auch der soziale Teil. Ein HYROX mit Bettina, meine Familie an der Strecke, gemeinsame Trainings oder Reisen zu Wettkämpfen haben für mich einen Wert, der weit über die Ergebnisliste hinausgeht. Performance, Gesundheit und gute Erlebnisse mit Menschen, die mir wichtig sind, gehören für mich zusammen.

Meine nächsten 94 Trainingsstunden

Mark Dowdle hat etwas geschafft, das ich wahrscheinlich nie schaffen werde. Dafür hat er meinen vollen Respekt. Seine 630 Kilometer zeigen mir aber nicht, dass ich extremer trainieren sollte. Sie erinnern mich daran, präziser zu trainieren.

Meine nächsten 94 Trainingsstunden investiere ich deshalb lieber darin, schneller zu laufen, stärker zu werden, meine HYROX Zeit zu verbessern und einen Körper aufzubauen, der mir möglichst lange sehr viel ermöglicht.

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Julian Hosp
Julian HospUnternehmer / Investor / Athlet / Familienvater