Verpasse ich etwa gerade den Zug?
22. September 2026
Finanzen

Verpasse ich etwa gerade den Zug?

Julian Hosp
Julian HospUnternehmer / Investor / Athlet / Familienvater

Bitcoin legt zu. Moderna legt zu. Irgendwo postet wieder jemand einen Screenshot mit einem fetten Plus. Du schaust auf dein Depot und fragst dich: „Warum bin ich da nicht dabei? Verpasse ich gerade den Zug?“ Du bekommst FOMO.

Starke Rallys überall. Genau hier beginnt FOMO.Starke Rallys überall. Genau hier beginnt FOMO.

Solche Nachrichten bekomme ich gerade ständig. Ich finde die Frage interessant. Sie unterstellt, dass mein Geld irgendwo herumliegt, während alle anderen Rendite machen. Tatsächlich hat mein Portfolio am Montag ein neues Allzeithoch erreicht. Ich bin investiert, nur eben nicht in allem, was gerade im Hype ist und geteilt wird.

Ich muss nicht bei jeder Rally dabei sein. Mein Geld muss dort arbeiten, wo ich für mich das attraktivste Verhältnis zwischen Risiko und Rendite sehe.

Wenn ein anderes Investment steigt, ist das noch lange kein Grund, meine Entscheidung zu ändern. Sonst wäre meine gesamte Investmentstrategie, jeden Tag dem nächsten grünen Chart hinterherzulaufen.

Ich kaufe nicht, weil etwas steigt

Für ein Investment brauche ich Einstiegspunkte, Ausstiegspunkte und konkrete Trigger. Was hat sich verändert? Warum entsteht daraus eine Chance? Was müsste passieren, damit ich meine Einschätzung wieder ändere?

„Ist zuletzt stark gestiegen“ reicht mir dafür nicht.

Ein steigender Kurs kann ein Argument sein. Wer gezielt auf Momentum setzt und weiß, unter welchen Bedingungen er einsteigt und wieder aussteigt, hat zumindest eine nachvollziehbare Entscheidung. Wer dagegen kauft, weil er den Gewinn der anderen nicht mehr aushält, hat ein anderes Problem. Er verwechselt seinen Ärger über einen verpassten Anstieg mit einem Investmentgrund.

Das sieht auf dem Kontoauszug zunächst gleich aus. Du kaufst eine Position. Der Unterschied zeigt sich spätestens dann, wenn der Kurs gegen dich läuft. Der eine kann prüfen, ob sein ursprünglicher Grund noch gilt. Der andere kann nur hoffen, dass es wieder raufgeht.

Genau auf diese Kopfschmerzen habe ich keine Lust.

Warum mir Meta und Intel zuletzt leichter gefallen sind

Meta habe ich im Inner Circle nach der Entwicklung rund um die Klage ausführlich besprochen. Das war für mich ein konkreter Anlass, die Chance zu beurteilen. Intel war ebenfalls eine Trading-Idee im IC. Zum Zeitpunkt meines Daily vom 22. September lagen beide Aktien auf Monatssicht rund 35 Prozent im Plus.

Meta und Intel: rund 35 % Plus auf Monatssicht.Meta und Intel: rund 35 % Plus auf Monatssicht.

Natürlich freue ich mich über diese Kursentwicklung. Interessanter ist für mich aber, dass ich vorher Gründe für diese Ideen hatte. Die Rendite sehe ich hinterher. Die Entscheidung musste ich vorher treffen.

Bei Meta sehe ich Produkte, die Milliarden Menschen tatsächlich nutzen. WhatsApp, Instagram, Facebook. Ich sehe die Entwicklung bei KI und kann mir überlegen, was sie für das Unternehmen bedeutet. Ich kenne niemanden, der plötzlich sagt, dass er WhatsApp nicht mehr braucht. Hinter diesem Investment stehen für mich konkrete Produkte und eine Nutzung, die ich nachvollziehen kann.

Das allein macht eine Aktie noch nicht zu jedem Preis attraktiv. Es gibt mir aber etwas, an dem ich meine Einschätzung von Nutzen, Wert und Preis festmachen kann.

Ich will nicht bloß einen Kurs sehen, der nach oben läuft. Ich will verstehen, weshalb ich mein Geld dort investiert habe und was meine Entscheidung verändern würde.

Genau deshalb sind diese Beispiele für mich spannender als die Frage, welche andere Rally ich gerade nicht mitgenommen habe.

Ein Gewinn beweist noch nicht, dass du eine gute Entscheidung getroffen hast

Wenn du mit einem Investment im Plus bist, freut mich das für dich. Die spannende Frage kommt danach: Was hattest du erkannt? Was davon ist tatsächlich eingetreten? Was müsste jetzt passieren, damit du wieder aussteigst?

Hinterher lässt sich jeder Kursanstieg wunderbar erklären. Plötzlich war alles offensichtlich. Vorher sieht das meistens etwas anders aus.

Ein grüner Kurs zeigt dir, dass der Preis gestiegen ist. Er beweist noch nicht, dass du verstanden hast, warum.

Der Gewinn ist gleich. Der Entscheidungsprozess nicht.Der Gewinn ist gleich. Der Entscheidungsprozess nicht.

Wer diese Unterscheidung nicht macht, hält schnell jeden Gewinn für Können. Beim nächsten Investment wird dieselbe Hoffnung wiederholt, nur mit mehr Geld.

Deshalb interessieren mich bei einer Investmentidee nicht nur die vergangenen Prozente. Mich interessiert die Begründung, die es bereits vor dem Anstieg gab. Genau dort erkennst du, ob jemand eine nachvollziehbare Entscheidung getroffen hat oder nachträglich eine Geschichte zu seinem Gewinn erzählt.

Für Einsteiger: Eine verpasste Rally ist kein Verlust

Du siehst eine Aktie, die 30 Prozent gestiegen ist, und rechnest sofort aus, wie viel Geld du damit verdient hättest. Mit 10.000 Euro wären es 3.000 Euro gewesen. Jetzt fühlt es sich fast so an, als würden dir diese 3.000 Euro fehlen.

Tun sie nicht. Du hast dieses Geld nie besessen.

Vor allem vergisst du bei dieser Rechnung etwas: Dein Kapital konnte währenddessen woanders arbeiten. Nicht in dieser einen Aktie investiert zu sein, ist etwas völlig anderes, als überhaupt nicht investiert zu sein.

Entscheidend ist nicht die Rally, die du verpasst hast, sondern was dein Kapital stattdessen gemacht hat.Entscheidend ist nicht die Rally, die du verpasst hast, sondern was dein Kapital stattdessen gemacht hat.

Ich sitze ja nicht mit meinem gesamten Vermögen in Dollar herum und schaue zu, wie meine Kaufkraft schmilzt. Ich habe andere Investments, deshalb vergleiche ich eine ausgelassene Gelegenheit auch nicht automatisch mit null Rendite, sondern mit der tatsächlichen Verwendung meines Geldes.

Die Frage lautet nicht: „Was hätte ich mit dieser Aktie verdient?“ Sondern: „Wie hat mein Geld in derselben Zeit für mich gearbeitet?“

Vergleiche dafür denselben Zeitraum und dieselbe Währung. Ein Wochengewinn hier und ein Jahresgewinn dort sagen dir nichts. Ebenso wenig bringt es, im Nachhinein den größten Gewinner herauszusuchen, den du vorher überhaupt nicht auf dem Schirm hattest.

Du wirst immer irgendwo eine bessere vergangene Rendite finden. Wer daraus jedes Mal ableitet, falsch investiert zu sein, wird mit keinem Depot zufrieden.

Für Fortgeschrittene: Nach 35 Prozent Kursgewinn kaufst du nicht mehr dieselbe Chance

Hier wird es interessant. Eine gute Investmentidee von vor einem Monat muss heute nicht mehr genauso attraktiv sein. Selbst dann nicht, wenn die Einschätzung vollständig aufgegangen ist.

Ein Rechenbeispiel, unabhängig von Meta oder Intel: Eine Aktie kostet 100 Euro. Du kommst nach deiner Analyse auf ein begründetes Kursziel von 150 Euro. Damit siehst du 50 Prozent Kurspotenzial.

Jetzt steigt die Aktie um 35 Prozent auf 135 Euro. An deinem Kursziel hat sich nichts geändert.

Wie viel Potenzial bleibt?
Nicht 15 Prozent. Von 135 auf 150 Euro sind es nur noch rund 11,1 Prozent.

Gleiches Kursziel. Höherer Einstieg. Weniger Potenzial.Gleiches Kursziel. Höherer Einstieg. Weniger Potenzial.

Das Unternehmen kann genauso gut sein wie vorher. Deine Einschätzung kann weiterhin stimmen. Trotzdem ist das Verhältnis zwischen dem heutigen Einstiegspreis und deinem Kursziel ein völlig anderes.

Aus „Die Idee war gut“ folgt nicht „Der Einstieg ist heute noch genauso gut“.

Natürlich können neue Informationen auch deine Einschätzung des Wertes erhöhen. Dann musst du neu rechnen. Entscheidend ist, dass du erklären kannst, was sich verändert hat. Der gestiegene Aktienkurs allein ist keine Begründung für ein höheres Kursziel.

Genau deshalb sind die 35 Prozent bei Meta und Intel für mich ein Rückblick auf die Entwicklung, keine automatische Aufforderung, jetzt hinterherzukaufen. Für einen neuen Einstieg zählt die Chance ab dem heutigen Preis. Nicht die Rendite, die jemand anderes bereits gemacht hat.

Ich brauche keine schlechte Meinung über dein Investment

Viele behandeln Investieren wie eine Abstimmung: Entweder du kaufst etwas oder du musst dagegen sein.

Nein. Ich kann einem Investment eine positive Entwicklung zutrauen und mein Kapital trotzdem lieber anderswo einsetzen. Vielleicht verstehe ich dort den Auslöser besser. Vielleicht sehe ich mehr verbleibendes Potenzial. Vielleicht kann ich klarer beurteilen, wann meine Einschätzung nicht mehr stimmt.

Ich brauche keine negative Prognose für jedes Investment, das ich nicht halte. Ich brauche eine bessere Verwendung für mein Kapital.

Das ist auch meine Antwort auf die Frage nach dem verpassten Zug. Es fahren ständig irgendwelche Züge ab. Ich muss nicht in jeden einsteigen, nur weil jemand aus dem Fenster winkt.

Welche Unternehmen finde ich spannend?

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Julian Hosp
Julian HospUnternehmer / Investor / Athlet / Familienvater