Roter Präsident, blauer Kongress: Der Worst Case hat ein Pluszeichen
Du liest „Worst Case für die Börse“, schaust auf dein Depot und fragst dich, ob du deine Aktien noch rechtzeitig verkaufen solltest. Ich sage dir eines: Wenn du aus diesen Worten automatisch einen Crash machst, lässt du eine Schlagzeile über dein Geld entscheiden. In der historischen Auswertung liegt dieser Worst Case für den S&P 500 bei durchschnittlich plus 4,9 Prozent pro Jahr.
Am 3. November fanden in den USA die Midterms statt, also die Zwischenwahlen zur Mitte der vierjährigen Amtszeit des Präsidenten. Zur Wahl standen alle Sitze im Repräsentantenhaus und rund ein Drittel der Sitze im Senat. Zusammen bilden diese beiden Kammern den Kongress, das amerikanische Parlament. Trump selbst stand nicht zur Wahl und bleibt Präsident.
Nach den Hochrechnungen vom Morgen des 4. November holen die Demokraten beide Kammern. „Roter Präsident, blauer Kongress“ bedeutet also: Trumps Republikaner stellen den Präsidenten, die Demokraten bekommen die Mehrheit im Parlament. Für neue Gesetze, etwa zu Steuern oder Staatsausgaben, braucht Trump Mehrheiten im Kongress und damit die Unterstützung seiner politischen Gegner.
Für die Börse wäre mir ein republikanischer Senat lieber gewesen. Die jetzige Kombination hat in meiner Grafik den schwächsten historischen Durchschnitt. Das Signal ist, dass Trump für neue Gesetze mit einer demokratischen Mehrheit verhandeln muss. Der Lärm beginnt dort, wo aus dieser politischen Veränderung ein angeblich sicherer Börsencrash wird. Ein schwächerer historischer Durchschnitt sagt dir nicht, ob du heute verkaufen solltest.
Ich habe keine Sponsoren, weil ich sie finanziell nicht brauche. Mich interessiert als Investor, wie ich mit meinem Geld langfristig Kaufkraft aufbaue. Dafür will ich verstehen, welche Nachricht meine Entscheidung verändern sollte und welche mich lediglich nervös macht.
Der schwächste Durchschnitt ist keine Crash-Prognose
Die Grafik betrachtet die jährliche Kursentwicklung des S&P 500 von 1951 bis 2025. Unter einem republikanischen Präsidenten brachte ein zwischen den Parteien geteilter Kongress durchschnittlich 13,7 Prozent pro Jahr. Bei demokratischen Mehrheiten in beiden Kammern waren es 4,9 Prozent. Der Unterschied ist deutlich, und ich werde ihn nicht wegdiskutieren.
Trotzdem lohnt sich der Blick auf die einzelnen Jahre. Die Kombination aus republikanischem Präsidenten und demokratischem Kongress kam in diesem Zeitraum in 22 Kalenderjahren vor, verteilt auf vier zusammenhängende Phasen. In 15 dieser 22 Jahre stieg der S&P 500, auch ohne Dividenden. Die schwächste Konstellation war also keineswegs eine Geschichte aus lauter Verlustjahren.
2007 und 2008 zeigen, wie weit die Ergebnisse auseinanderliegen können. In beiden Jahren war George W. Bush Präsident, in beiden Jahren hatten die Demokraten die Mehrheit in beiden Kammern. 2007 gewann der S&P 500 ohne Dividenden 3,53 Prozent, 2008 verlor er 38,49 Prozent. Die politischen Farben waren dieselben, die Börsenjahre unterschieden sich massiv.
Für mich ist der niedrigere historische Schnitt ein Hinweis, die Risiken meiner Investments zu prüfen. Zum Lärm wird die Zahl, wenn jemand daraus den Verlauf des nächsten Handelstags oder einen unvermeidbaren Crash ableitet. Die Statistik sagt dir, wie diese Jahre ausgegangen sind. Sie sagt dir nicht, was morgen mit deiner Aktie passiert.
Zwei Zahlen, zwei unterschiedliche Fragen
Für eine Entscheidung direkt nach der Wahl interessiert mich auch, was früher ab dem Wahltag passiert ist. Das Franklin Templeton Institute hat sieben Zwischenwahlen seit 1954 untersucht, nach denen ein republikanischer Präsident einem demokratischen Kongress gegenüberstand.
Vom Schlusskurs am Wahltag bis rund ein Jahr später stieg der S&P 500 in diesen Fällen im Schnitt um 13,6 Prozent, ebenfalls ohne Dividenden.
Wie passt das zu den 4,9 Prozent? Die erste Auswertung fragt, wie die Kalenderjahre mit diesen Mehrheiten liefen. Die zweite fragt, wie sich die Kurse ab sieben konkreten Wahlterminen entwickelten. Beide betrachten denselben Aktienindex, aber unterschiedliche Zeiträume.
Ich könnte dir mit der ersten Zahl Angst machen und mit der zweiten eine glänzende Zukunft ausmalen. Dafür müsste ich lediglich verschweigen, welche Frage die jeweilige Zahl beantwortet. Deshalb frage ich bei jeder solchen Statistik: Wird hier wirklich das untersucht, worüber ich gerade entscheiden will?
Meine Einschätzung bleibt klar: Ein geteilter Kongress wäre mir für die Börse lieber gewesen. Ich erwarte politischen Gegenwind. Dass deshalb der gesamte US-Aktienmarkt in den nächsten zwölf Monaten fallen muss, geben diese Daten nicht her. Genauso wenig versprechen dir die 13,6 Prozent einen Gewinn. Wer aus einem historischen Durchschnitt eine sichere Zukunft macht, produziert Lärm, egal ob seine Geschichte optimistisch oder pessimistisch klingt.
Ein roter Kurs macht aus einer Behauptung noch keinen Beweis
Stell dir vor, du hältst einen ETF auf den S&P 500, also einen Fonds auf den breiten US-Aktienmarkt. Am Wahlmorgen liest du: „Demokraten gewinnen beide Kammern, jetzt geht es mit der Börse bergab.“ Später schaust du ins Depot und dein ETF steht im Minus. Plötzlich fühlt es sich an, als wäre die Vorhersage bereits bestätigt.
Du weißt in diesem Beispiel zunächst nur zwei Dinge: Die Mehrheiten haben sich verändert und der Kurs ist gefallen. Ob die Wahl den Rückgang verursacht hat, warum Anleger verkaufen und wie die nächsten Monate laufen, ist damit noch nicht erklärt.
Angenommen, du verkaufst, weil du mehr politischen Streit erwartest. In den folgenden Wochen wird in Washington tatsächlich gestritten, während die Aktienkurse steigen. Deine politische Einschätzung war richtig, an den Kursgewinnen dieses ETF nimmst du aber nicht mehr teil. Dass du den Streit vorhergesehen hast, beweist noch nicht, dass dein Verkauf richtig war. Du hast vorhergesagt, wie Politiker miteinander umgehen, und darauf gewettet, wie Aktienkurse reagieren. Dazwischen fehlt eine Begründung.
Ich schaue deshalb auf die Unternehmen: Warum sollten sie durch die neuen Mehrheiten weniger verkaufen oder höhere Kosten haben? Gibt es begründete Erwartungen, dass ihre Gewinne sinken? Was davon war schon vor der Wahl absehbar?
Eine nachvollziehbare Verschlechterung der Gewinnaussichten wäre ein Signal, das ich ernst nehme. „Die falsche Partei hat gewonnen“ erklärt noch keine schlechteren Geschäfte. Dafür muss ich nicht warten, bis der Verlust schon in der Bilanz steht. Ich will aber erklären können, warum ich ihn erwarte.
Drei Prüfungen, bevor du auf Verkaufen klickst
1. Erkläre deinen Verkaufsgrund einmal ohne Parteinamen.
Vervollständige den Satz: „Ich erwarte, dass die Firmen in meinem ETF weniger verdienen, weil …“ Damit zwingst du dich, die wirtschaftliche Folge zu benennen, vor der du dich fürchtest. Wenn dir nur einfällt, dass du Trump oder die Demokraten nicht magst, weißt du etwas über deine politische Meinung. Über die künftigen Gewinne der Unternehmen weißt du dadurch noch nichts.
2. Schreib auf, wann sich deine Einschätzung bewähren muss.
Wenn du wegen der Wahl in zwölf Monaten tiefere Kurse erwartest, bestätigt dich ein roter Mittwoch nicht. Halte den heutigen Kurs und den Termin fest, an dem du deine Aussage prüfen willst. Sonst wechselst du zwischen einem Handelstag und einem ganzen Jahr, je nachdem, welches Ergebnis dir gerade recht gibt. So kannst du jede Diskussion gewinnen, ohne jemals eine brauchbare Prognose abgegeben zu haben.
3. Lege vor dem Verkauf fest, was dich wieder umstimmen würde.
Würdest du deine Einschätzung ändern, wenn die Unternehmen weiter steigende Gewinne erwarten? Wenn sich ein befürchteter politischer Eingriff nicht abzeichnet? Oder wartest du insgeheim darauf, dass eine andere Partei gewinnt? Im letzten Fall hängt deine Rückkehr an der nächsten Wahl, selbst wenn sich die Geschäfte der Unternehmen längst besser entwickeln, als du erwartet hast.
Das Daily: Welche Marktnachrichten wirklich zählen
Nach der Wahl werden dir genug Leute erklären, warum der nächste rote oder grüne Handelstag zu ihrer politischen Meinung passt. In meinem Audioformat Das Daily ordne ich von Montag bis Freitag die Entwicklungen bei Aktien, Krypto und Wirtschaft für dich ein.
Ich trenne dabei, was tatsächlich neu ist, welche Folgen ich daraus ableite und wo mir die Begründung für eine große Behauptung fehlt. Du kannst meine Überlegungen nachvollziehen und an deinen eigenen Investments prüfen.
Wenn du bei der nächsten Schlagzeile erkennen willst, wo das Signal liegt und wo der Lärm beginnt, hol dir Das Daily.
