Gold aus Quecksilber: Wer allein wegen der Schlagzeile verkauft, verwechselt Wissenschaft mit Wirtschaft
23. Oktober 2026
Finanzen

Gold aus Quecksilber: Wer allein wegen der Schlagzeile verkauft, verwechselt Wissenschaft mit Wirtschaft

Julian Hosp
Julian HospUnternehmer / Investor / Athlet / Familienvater

Wer nach jeder Schlagzeile sein Portfolio umbaut, braucht sich über teure Fehler nicht zu wundern.

Du öffnest morgens dein Handy, Gold ist im Minus und plötzlich erklärt dir jemand, dass ein Startup aus Quecksilber Gold machen kann. Im nächsten Post ist Gold deshalb bald wertlos, drei Beiträge weiter ist es die letzte sichere Anlage. Nach zehn Minuten kennst du mehr Meinungen, weißt aber immer noch nicht, ob du mit deinem Geld etwas anders machen solltest.

Widersprüchliche Schlagzeilen über Gold aus QuecksilberWidersprüchliche Schlagzeilen über Gold aus Quecksilber

Ich trenne deshalb zwischen Signal und Lärm.
Ein Signal gibt mir einen begründeten Anlass, eine Annahme über ein Investment zu überprüfen. Lärm entsteht, wenn eine Geschichte mehr behauptet, als ihre Belege hergeben, und dich dadurch zu einer vorschnellen Entscheidung drängt. Eine neue Information kann relevant sein, ohne dass daraus sofort ein Kauf oder Verkauf folgen muss.

Signal oder Lärm bei InvestmententscheidungenSignal oder Lärm bei Investmententscheidungen

Ich habe grundsätzlich keine Sponsoren, weil ich sie finanziell nicht brauche. Für diese Einordnung gibt es auch keine Affiliatevergütung oder bezahlte Partnerschaft. Ich bin Investor und will mit meinen Investments langfristig möglichst viel Kaufkraft aufbauen, deshalb schaue ich nüchtern auf Zahlen, Kosten und Wahrscheinlichkeiten. Ob das Ergebnis zur gerade beliebtesten Geschichte passt, ist mir scheißegal.

Die Meldung von Marathon Fusion ist ein gutes Beispiel: Das Unternehmen behauptet, Quecksilber in stabiles Gold verwandelt und einen CERN-Rekord um den Faktor zehn übertroffen zu haben. Daraus wird auf Social Media plötzlich die Geschichte, Gold könne künftig beliebig produziert werden und seine Knappheit sei erledigt.

Marathon Fusion: Wissenschaftliche Meldung vs. Social-Media-BehauptungMarathon Fusion: Wissenschaftliche Meldung vs. Social-Media-Behauptung

Ich finde diese Forschung hammer spannend. Für meine Investmententscheidung will ich allerdings wissen, was tatsächlich belegt ist, welche Mengen daraus entstehen könnten und zu welchen Kosten das Gold auf den Markt käme. Dafür gehe ich die Meldung Schritt für Schritt durch.

1. Eine Behauptung ist noch kein Beweis

Zuerst trenne ich die Aussage des Unternehmens von dem, was daraus wirtschaftlich abgeleitet wird. Eine Unternehmensmeldung über einen Versuch, eine Simulation und eine dauerhaft laufende Produktionsanlage beantworten unterschiedliche Fragen.

Experiment, Simulation und industrielle Goldproduktion im VergleichExperiment, Simulation und industrielle Goldproduktion im Vergleich

Marathon meldet einen neuen experimentellen Erfolg. Zum Ansatz gibt es bereits ein Simulationspaper aus dem Jahr 2025, das mögliche industrielle Produktionsmengen berechnet. Die Ergebnisse dieser Rechnung darf ich nicht so behandeln, als hätte das neue Experiment diese Mengen bereits produziert.

Die Meldung ist für mich ein Anlass, die technische Entwicklung zu verfolgen. Die Behauptung, damit sei Gold schon heute beliebig verfügbar, ist Lärm.

Wenn ich diese Unterscheidung überspringe, reagiere ich auf eine Schlussfolgerung, die der vorliegende Nachweis gar nicht trägt. Deshalb lautet meine erste Frage: Was wurde im Versuch tatsächlich erreicht und welche Aussage stammt bisher nur aus einem Modell?

2. Entscheidend ist die Menge hinter dem Rekord

„Zehnmal besser als CERN“ klingt beeindruckend. Als Investor brauche ich die Ausgangsgröße, den Zeitraum und die Menge, die am Ende als nutzbares Produkt übrig bleibt.

CERN berichtete 2025 über die Umwandlung von Blei in Goldkerne. Für einen mehrjährigen Betriebszeitraum entsprach deren rechnerische Gesamtmasse gerade einmal 29 Pikogramm, also weniger als einem Milliardstel Gramm. Die Kerne wurden anschließend durch weitere Kollisionen wieder zerstört. Daraus wurden keine eingesammelten Goldbarren.

Das ist keine Mengenangabe für Marathon Fusion, dessen Ansatz anders funktioniert. Es zeigt, warum ein relativer Rekord allein die wirtschaftliche Frage offenlässt. Aus dem Faktor zehn kann ich die produzierte Gesamtmenge des neuen Experiments nicht ableiten.

Das veröffentlichte Modell kommt auf rund zwei Tonnen Gold pro Gigawatt Wärmeleistung und Jahr. Bei einem angenommenen Wirkungsgrad von 40 Prozent entspricht das etwa fünf Tonnen pro Gigawatt elektrischer Leistung und Jahr. Das sind berechnete Mengen unter bestimmten Betriebsannahmen.

5 Tonnen Gold gegenüber 3.672 Tonnen weltweiter Jahresförderung5 Tonnen Gold gegenüber 3.672 Tonnen weltweiter Jahresförderung

Zum Vergleich: Der World Gold Council schätzt die weltweite Minenproduktion für 2025 auf rund 3.672 Tonnen. Fünf Tonnen zusätzlich entsprechen ungefähr 0,14 Prozent einer Jahresförderung. Wer darin bereits das Ende der Goldknappheit sieht, hat die Größenordnung nicht eingeordnet.

Hundert solcher Anlagen würden unter denselben Annahmen 500 Tonnen im Jahr erzeugen. Diese Menge wäre relevant. Nur musst du dafür auch hundert entsprechende Kraftwerke bauen, finanzieren und betreiben können. Eine Zahl mit hundert zu multiplizieren ist deutlich einfacher, als die dazugehörige Industrie aufzubauen.

Theoretische Goldproduktion von 100 FusionskraftwerkenTheoretische Goldproduktion von 100 Fusionskraftwerken

Ich prüfe deshalb beides: die Menge einer einzelnen Anlage und die Voraussetzungen, unter denen viele Anlagen entstehen könnten. Ein belastbarer Weg zu großen Produktionsmengen wäre ein Signal für meine Einschätzung des Goldangebots. Der bloße Verweis auf einen Rekord beantwortet diese Frage nicht.

3. Gold hergestellt heißt noch lange nicht Gold verkauft

Jetzt prüfe ich, was zwischen dem Versuch und einem Produkt liegt, für das tatsächlich jemand bezahlt. Auf seiner Website beschreibt Marathon eine Anlage im Bau mit einem Kilowatt Fusionsleistung. Die Rechnungen über Tonnen Gold beziehen sich auf Kraftwerke im Gigawattmaßstab. Rein rechnerisch liegt dazwischen der Faktor eine Million, wobei hier unterschiedliche Anlagenkonzepte beschrieben werden.

Ich kann diese Lücke deshalb nicht schließen, indem ich dieselbe Maschine auf dem Papier einfach größer zeichne. Ein industrieller Prozess muss dauerhaft funktionieren, die Materialien müssen durchhalten und die Anlage muss sich finanzieren lassen.

Ein Kilowatt gegenüber einem Gigawatt FusionsleistungEin Kilowatt gegenüber einem Gigawatt Fusionsleistung

Beim Ausgangsmaterial geht die Rechnung weiter. Quecksilber-198, das im beschriebenen Ansatz eine zentrale Rolle spielt, macht rund zehn Prozent des natürlichen Quecksilbers aus. Ich muss deshalb die Kosten und die Verfügbarkeit des passend aufbereiteten Materials prüfen. Der Preis für gewöhnliches Quecksilber beantwortet diese Frage nicht.

Das Zielprodukt Gold-197 ist stabil. Radioaktive Beimischungen können die Vermarktung allerdings verzögern. Im Paper ergibt sich für ein konservatives Modellkriterium eine Abklingzeit von rund 17,7 Jahren. Das ist keine allgemeine gesetzliche Wartefrist, sondern hängt unter anderem von der Isotopenzusammensetzung, der Reinigung und dem gewählten Maßstab ab.

Modellierte Lagerzeit von 17,7 Jahren bei der GoldherstellungModellierte Lagerzeit von 17,7 Jahren bei der Goldherstellung

Für die wirtschaftliche Rechnung bedeutet das: Aufbereitung, mögliche Lagerzeiten und Finanzierung gehören dazu. Ein späterer Verkaufserlös steht heute noch nicht zur Verfügung. Wer einfach eine theoretische Goldmenge mit dem aktuellen Goldpreis multipliziert, hat noch keinen Gewinn ausgerechnet.

Gleichzeitig plant Marathon, Gold gemeinsam mit Energie zu erzeugen. Ich kann deshalb auch nicht sämtliche Kraftwerkskosten allein dem Gold zurechnen. Ich brauche eine Rechnung, die die gemeinsamen Erlöse und die jeweils nötigen Kosten berücksichtigt.

Das Signal wäre ein nachvollziehbarer Nachweis, dass verkaufbares Gold in relevanter Menge zu konkurrenzfähigen Kosten hergestellt werden kann. Die Abkürzung „Quecksilber ist billig, also wird Gold billig“ ist Lärm.

Erlöse und Kosten bei der künstlichen GoldproduktionErlöse und Kosten bei der künstlichen Goldproduktion

4. Ein roter Chart beweist keine Ursache

Ein Preis fällt, gleichzeitig geht eine spektakuläre Nachricht herum und plötzlich wird so getan, als wäre die Ursache bewiesen. Der zeitliche Zusammenhang reicht dafür nicht. Ein roter Chart liefert mir keine fehlenden Produktionsdaten und keine belastbare Kostenrechnung.

Goldpreis und Nachrichtenereignis im zeitlichen VergleichGoldpreis und Nachrichtenereignis im zeitlichen Vergleich

Natürlich bewerten Märkte auch die Zukunft. Eine Technologie kann Preise beeinflussen, bevor ihre erste große Anlage produziert. Deshalb wäre es genauso falsch, jede mögliche Preiswirkung auszuschließen, nur weil heute noch keine industrielle Goldproduktion läuft.

Ich frage stattdessen, welche neue Information die Aussicht auf ein größeres wirtschaftlich verfügbares Goldangebot tatsächlich verändert. Gibt es belastbarere Produktionsdaten, einen glaubwürdigeren Zeitplan oder eine nachvollziehbare Verbesserung der Kosten?

Das wären Signale, die ich prüfen müsste. Die Geschichte „Gold fällt, also muss die Meldung das Ende der Knappheit beweisen“ dreht die Beweisführung um. Wer so argumentiert, lässt sich vom Kurs seine Erklärung schreiben.

5. Was einen Kauf oder Verkauf rechtfertigt

Nach diesen Prüfungen bleibt für mich eine interessante technische Entwicklung, deren industrielle Wirtschaftlichkeit noch gezeigt werden muss. Diese Ankündigung allein ist für mich kein nachvollziehbarer Grund, Gold wegen einer angeblich beendeten Knappheit zu verkaufen.

Ich würde meine Einschätzung zum möglichen zusätzlichen Goldangebot neu prüfen, wenn nachvollziehbare Produktionsdaten, verlässlicher Betrieb und eine belastbare Kostenrechnung einen glaubwürdigen Ausbau erkennen lassen. Dafür muss ich mir heute weder einreden, dass die Technologie garantiert scheitert, noch so tun, als stünden die Goldfabriken bereits bereit.

Du kannst diesen Filter bei deiner nächsten Investmententscheidung konkret anwenden. Schreib zuerst auf, welche Annahme deine bisherige Entscheidung trägt. Ergänze dann, was durch die neue Meldung tatsächlich belegt ist, und formuliere, warum diese Information deine Annahme verändert.

Drei Fragen vor dem Kauf oder Verkauf von GoldDrei Fragen vor dem Kauf oder Verkauf von Gold

Beim Goldbeispiel lautet eine solche Annahme: „Das wirtschaftlich verfügbare Goldangebot lässt sich in meinem Anlagezeitraum nur langsam ausweiten.“ Die neue Meldung betrifft zunächst einen behaupteten Versuchserfolg. Ob sie diese Annahme verändert, hängt davon ab, welche zusätzlichen Mengen zu welchen Kosten und in welchem Zeitraum tatsächlich verfügbar werden könnten. Diese Verbindung musst du begründen können, bevor du aus der Meldung eine Entscheidung ableitest.

Wenn du nur „Ich habe einen beunruhigenden Post gesehen“ aufschreiben kannst, hast du einen Anlass zur Prüfung. Eine begründete Verkaufsentscheidung ist das noch nicht. Ich kann eine Entwicklung beobachten und auf bessere Belege warten, ohne deshalb jede Schlagzeile mit einer Order beantworten zu müssen.

Das Daily: Mein Blick auf die Märkte, bevor du reagierst

Heute geht es um Gold aus Quecksilber, beim nächsten Mal um eine KI-Ankündigung, eine Zinsentscheidung oder einen Einbruch am Kryptomarkt. Die Fragen bleiben: Was ist tatsächlich neu, welche Annahme verändert sich und was folgt daraus für ein Investment?

In meinem Audioformat Das Daily ordne ich von Montag bis Freitag die Entwicklungen bei Aktien, Krypto und Wirtschaft für dich ein. Du bekommst ein Audio-Update von etwa fünf bis zwölf Minuten, in dem ich die wichtigen Meldungen einordne und meine Überlegungen dazu mit dir teile.

Du kannst es morgens auf dem Weg zur Arbeit hören und anschließend prüfen, welche Entwicklung für deine Investments eine Rolle spielt. Der Nutzen liegt darin, die Begründung hinter meiner Einschätzung zu verstehen und sie auf deine eigenen Annahmen anzuwenden.

Wenn du bei der nächsten Schlagzeile verstehen willst, welches Signal dahintersteckt und wo der Lärm beginnt, hol dir Das Daily.

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