War der 115-Millionen-Dollar-Coldcard-Hack erst der Anfang weiterer Bitcoin-Angriffe?
Leute, einen wunderschönen Tag. Auf X läuft gerade eine Debatte, die du mitbekommen solltest, weil sie dir mehr über die Sicherheit von Bitcoin verrät als jede Kursprognose.
Ausgelöst wurde sie durch einen ausführlichen Beitrag von Furkan Yildirim (@FurkanCCTV). Laut seiner Analyse wurden in mehreren Wellen rund 1.816 Bitcoin aus vermutlich betroffenen Wallets abgezogen, was beim damaligen Kurs ungefähr 115 Millionen Dollar entsprach.
Die genaue Zuordnung basiert auf Mustern in den Transaktionen und ist nicht für jede einzelne Adresse abschliessend bewiesen. Der Fall ist trotzdem massiv, denn in einer einzigen Angriffswelle wurden laut der Analyse 1.196 Bitcoin Wallets innerhalb von nur 41 Minuten geleert.
Das Aussergewöhnliche daran war nicht nur die Summe, sondern die Art des Angriffs. Niemand musste ein Gerät stehlen, auf einen Phishing Link klicken oder seine 24 Wörter an einen Betrüger weitergeben. Der entscheidende Fehler war bereits fünf Jahre vorher passiert, in der Sekunde, in der die betroffene Hardware Wallet diese Wörter erzeugt hatte.
Daraufhin schrieb der Ökonom und Spieltheoretiker Christian Rieck (@ProfRieck):
Christian Rieck wurde für diese Aussage sofort angegriffen. Ich sehe die Sache differenzierter und habe deshalb in meiner Antwort auf X erklärt, warum er teilweise recht hat.
Das Bitcoin Netzwerk selbst wurde beim Coldcard Fall nicht übernommen. Die Blockchain wurde nicht manipuliert, die Konsensregeln wurden nicht verändert und es wurden keine neuen Bitcoin erschaffen.
Trotzdem greift die allgemeine Aussage, Bitcoin könne technisch nicht angegriffen werden, viel zu kurz. Bitcoin ist eine Kryptowährung und wird durch eine gesamte kryptografische Sicherheitskette geschützt. Sobald eine entscheidende Stelle dieser Kette angreifbar wird, können Bitcoin gestohlen werden, obwohl das Netzwerk jede Transaktion korrekt verarbeitet.
In einem weiteren Beitrag auf X habe ich deshalb auf einen Punkt hingewiesen, der in dieser Debatte gerne vergessen wird:
Die Behauptung, ein technischer Angriff auf Bitcoin sei grundsätzlich unmöglich, ist historisch falsch. Bitcoin wurde bereits 2010 erfolgreich auf technischer Ebene angegriffen.
Was beim Coldcard Fall passiert ist, weshalb das Bitcoin Netzwerk trotzdem korrekt funktioniert hat und warum KI und Quantencomputer die Situation in Zukunft verschärfen könnten, schauen wir uns jetzt Schritt für Schritt an.
Stell dir deine Hardware Wallet als Tresor vor
Eine Hardware Wallet ist im Grunde ein digitaler Tresor, dessen Schlüssel möglichst nie mit dem Internet in Kontakt kommen soll.
Das Zahlenschloss dieses Tresors besteht aus deinen 24 Wörtern. Wer diese Wörter besitzt, kann daraus deine privaten Schlüssel berechnen und deine Bitcoin versenden, unabhängig davon, wo sich die Hardware Wallet befindet.
Deshalb hat das Gerät beim ersten Einschalten eine besonders wichtige Aufgabe. Es muss eine Kombination erzeugen, die niemand vorhersehen oder später rekonstruieren kann.
Dafür braucht es echten Zufall, der in der Fachsprache Entropie genannt wird. Normalerweise nutzt eine Hardware Wallet dafür physikalische Vorgänge innerhalb eines Chips und erzeugt daraus eine extrem grosse, zufällige Zahl. Aus dieser Zahl werden später deine Wörter, deine privaten Schlüssel und deine Bitcoin Adressen abgeleitet.
Die Sicherheit deiner gesamten Wallet hängt an diesem einen Moment. Als Nutzer kannst du später zwar deine 24 Wörter sehen, aber kaum überprüfen, ob sie wirklich aus einer praktisch unendlichen Anzahl möglicher Kombinationen gewählt wurden.
Was bei der Coldcard schiefgelaufen ist
Die Coldcard ist eine bekannte Bitcoin Hardware Wallet des kanadischen Herstellers Coinkite.
Nach der bisher veröffentlichten Analyse soll eine Codeänderung vom März 2021 die Qualität des Zufalls bei bestimmten Wallet Erstellungen massiv geschwächt haben. Statt vollständig auf eine starke physikalische Zufallsquelle zu setzen, wurde offenbar ein berechenbarer Prozess verwendet, der unter anderem von der Gerätenummer und dem Stand einer internen Uhr abhing.
Für den Nutzer sah das Ergebnis weiterhin zufällig aus. Mathematisch war die Anzahl möglicher Kombinationen jedoch deutlich kleiner.
Aus einer unvorstellbar grossen Menge möglicher Seeds wurden laut der Analyse ungefähr 1,1 Billionen Kandidaten. Das klingt nach viel, lässt sich mit spezialisierter Software und moderner Rechenleistung aber wesentlich einfacher durchsuchen als der eigentliche kryptografische Schlüsselraum.
Der Angreifer musste deshalb kein Gerät stehlen und niemanden täuschen. Er konnte mögliche Seeds berechnen, daraus Bitcoin Adressen ableiten und prüfen, auf welchen Adressen Guthaben lag.
Sobald er eine Übereinstimmung fand, konnte er auch den passenden privaten Schlüssel berechnen und damit eine gültige Transaktion unterschreiben.
Das Bitcoin Netzwerk erkannte dabei keinen Betrug. Aus Sicht des Protokolls hatte jemand mit dem korrekten Schlüssel eine gültige Überweisung erstellt.
Wurde Bitcoin dabei gehackt?
Hier müssen wir zwei Ebenen voneinander trennen.
Das Bitcoin Netzwerk selbst wurde nicht geknackt. Die Blockchain wurde nicht verändert, der Konsensmechanismus funktionierte und jede Überweisung entsprach den Regeln des Protokolls.
Versagt hat die technische Sicherheitskette rund um die Erzeugung der privaten Schlüssel.
Auch die elliptische Kurvenkryptographie hinter Bitcoin wurde beim Coldcard Fall nicht mathematisch gebrochen. Der Angreifer konnte nicht aus einem gewöhnlichen öffentlichen Schlüssel einfach den privaten Schlüssel zurückrechnen.
Die Schwäche lag eine Ebene davor. Die privaten Schlüssel wurden offenbar aus zu wenig Zufall erzeugt, wodurch der Angreifer nicht mehr den vollständigen Schlüsselraum durchsuchen musste, sondern nur eine deutlich verkleinerte Liste möglicher Ausgangswerte.
Die Mathematik hinter Bitcoin rechnete korrekt. Sie wurde aber mit einem schwachen Ausgangswert gefüttert.
Deshalb hat Christian Rieck im engen Sinn recht. Der Angriff hat nicht das Bitcoin Netzwerk übernommen.
Seine allgemeine Aussage bleibt trotzdem falsch, weil Bitcoin in der Realität nicht nur aus einer Blockchain besteht. Zum System gehören auch Wallets, Firmware, Zufallsgeneratoren, Private Keys, Signaturen, Nodes und die Software, die alle Komponenten miteinander verbindet.
Bricht eine dieser Stellen, können Bitcoin gestohlen werden, ohne dass das Netzwerk selbst manipuliert werden muss.
Bitcoin wurde bereits 2010 technisch angegriffen
Die Geschichte von Bitcoin liefert dafür einen klaren Beleg.
Am 15. August 2010 wurde ein schwerer Fehler im damaligen Bitcoin Code ausgenutzt. Der Vorfall ist heute als Value Overflow Incident oder Integer Overflow Bug bekannt.
Vereinfacht gesagt konnte die Software mit einer speziell konstruierten Transaktion nicht korrekt umgehen. Dadurch entstanden in einer einzigen Transaktion mehr als 184 Milliarden Bitcoin, obwohl laut den Regeln von Bitcoin insgesamt niemals mehr als 21 Millionen existieren sollen.
Die damalige Software akzeptierte die Transaktion und nahm sie in Block 74.638 auf. Erst danach wurde der Fehler entdeckt.
Die Entwickler veröffentlichten innerhalb weniger Stunden ein Update und sorgten dafür, dass sich eine neue Blockchain Version ohne die fehlerhafte Transaktion durchsetzte.
Bitcoin hat den Vorfall überlebt, weil die Entwickler schnell reagierten. Der Fall zeigt trotzdem eindeutig, dass der Bitcoin Code einen technischen Fehler hatte, dieser Fehler gezielt ausgenutzt wurde und das Netzwerk vorübergehend einen wirtschaftlich unmöglichen Zustand akzeptierte.
2010 lag die Schwachstelle im Bitcoin Code. Beim Coldcard Fall lag sie in der Erzeugung der privaten Schlüssel.
Die betroffene Ebene war unterschiedlich, aber die zentrale Lektion bleibt dieselbe: Bitcoin basiert auf technischen Annahmen und diese Annahmen können sich als falsch herausstellen.
Warum Ledger und BitBox nicht betroffen waren
Nach dem Coldcard Fall stellt sich für viele Nutzer eine naheliegende Frage: Könnte dasselbe auch bei Ledger oder BitBox passieren?
Ledger erklärt, dass die eigenen Geräte für die Schlüsselerzeugung einen echten Zufallsgenerator innerhalb eines zertifizierten Secure Elements verwenden. Der Vorteil liegt in der spezialisierten und geprüften Hardware, wobei ein Teil des Systems nicht vollständig von aussen eingesehen werden kann.
BitBox aus der Schweiz verfolgt einen anderen Ansatz und kombiniert mehrere voneinander unabhängige Zufallsquellen.
Der entscheidende Vorteil dieser Methode liegt in der Redundanz. Solange mindestens eine der verwendeten Quellen stark und unvorhersehbar bleibt, kann eine schwache oder manipulierte Quelle nicht automatisch den gesamten Seed vorhersehbar machen.
Die Coldcard Firmware war ebenfalls öffentlich einsehbar. Der mutmasslich fehlerhafte Code blieb trotzdem jahrelang unentdeckt.
Open Source kann Transparenz schaffen, ist aber keine automatische Sicherheitsgarantie. Offener Code schützt nur dann, wenn kompetente Entwickler ihn tatsächlich prüfen und Fehler schneller finden als mögliche Angreifer.
Redundanz reduziert dagegen die Gefahr, dass das gesamte System von einer einzigen Komponente abhängt.
Warum KI solche Angriffe wahrscheinlicher macht
KI kann die elliptische Kurvenkryptographie von Bitcoin heute nicht einfach brechen. Sie kann aber die Suche nach Fehlern in Wallets, Firmware und anderen technischen Komponenten deutlich beschleunigen.
Moderne KI Systeme können grosse Mengen Quellcode analysieren, verdächtige Muster erkennen, Tests erstellen und mögliche Angriffspfade priorisieren. Aufgaben, für die früher ein Team aus Sicherheitsexperten notwendig war, können dadurch schneller und günstiger durchgeführt werden.
Coinkite hält es laut Furkan Yildirims Darstellung für möglich, dass der Angreifer bei der Suche nach der Schwachstelle KI eingesetzt hat. Ein vollständiger technischer Bericht steht allerdings noch aus.
Die langfristige Entwicklung ist trotzdem klar. Verteidiger erhalten bessere Werkzeuge, Angreifer ebenfalls. Der Wettlauf um bisher unentdeckte Schwachstellen wird dadurch schneller.
Was Quantencomputer zusätzlich verändern
Ein zukünftiger Angriff durch Quantencomputer würde technisch anders funktionieren als der Coldcard Angriff.
Die Verbindung liegt darin, dass eine Berechnung, die bisher praktisch unmöglich war, durch neue Technologie plötzlich machbar werden könnte.
Beim Coldcard Fall wurde die Suche offenbar möglich, weil der Raum möglicher Seeds drastisch verkleinert worden war. Ein ausreichend leistungsfähiger Quantencomputer könnte dagegen mit dem Shor Algorithmus versuchen, aus einem sichtbaren öffentlichen Schlüssel den dazugehörigen privaten Schlüssel zu berechnen.
Diese Rückrechnung gilt mit heutigen klassischen Computern als praktisch unmöglich und bildet einen entscheidenden Teil der Bitcoin Sicherheit.
Ich habe bereits am 1. April 2026 in meinem Beitrag „Google bricht die Verschlüsselung: Warum Quantencomputer zur tödlichen Gefahr für Bitcoin werden“ ausführlich erklärt, warum dieses Thema nicht als ferne Zukunftsmusik abgetan werden sollte.
Bitcoin steht dabei vor zwei grossen Herausforderungen.
1. Liegen grosse Mengen Bitcoin auf Adressen und Konstruktionen, bei denen öffentliche Schlüssel bereits sichtbar sind oder beim Ausgeben sichtbar werden. Ein ausreichend leistungsfähiger Quantencomputer könnte solche Bestände direkt angreifen.
2. Kann Bitcoin ein Sicherheitsupdate nicht zentral für alle Nutzer ausrollen. Neue Verfahren müssten entwickelt, vom Netzwerk akzeptiert, von Wallet Herstellern umgesetzt und anschliessend von jedem Nutzer aktiv verwendet werden.
Millionen Besitzer müssten ihre Bitcoin rechtzeitig auf neue, quantensichere Adressen verschieben. Ein solcher Prozess dauert Jahre und bietet viel Raum für Fehler, Streit und Verzögerungen.
Niemand kann seriös vorhersagen, wann ein kryptografisch relevanter Quantencomputer existieren wird. Sobald er existiert, ist es allerdings zu spät, erst dann über neue Signaturverfahren und die Behandlung alter Bitcoin Bestände zu diskutieren.
Was du jetzt konkret tun solltest
Wenn du eine Coldcard verwendest und dein Seed möglicherweise mit einer betroffenen Firmware erzeugt wurde, reicht ein Firmware Update alleine nicht aus.
Das Update kann verhindern, dass zukünftig weitere schwache Seeds entstehen. Ein bereits erzeugter Seed wird dadurch aber nicht nachträglich sicher.
Du musst einen vollständig neuen Seed mit einer sicheren Methode erzeugen und deine Bitcoin auf neue Adressen übertragen. Die alten 24 Wörter einfach in ein anderes Gerät zu importieren, löst das Problem nicht, weil die mögliche Schwäche in den Wörtern selbst steckt.
Bei grösseren Bitcoin Beständen solltest du zusätzlich prüfen:
Wie wird der Seed erzeugt?
Verwendet die Wallet nur eine einzige Zufallsquelle oder kombiniert sie mehrere unabhängige Quellen?
Kannst du eigenen Zufall hinzufügen?
Eine korrekt ausgeführte Methode mit ausreichend vielen Würfelwürfen kann eine zusätzliche unabhängige Zufallsquelle schaffen.
Hängt deine gesamte Sicherheit an einem Hersteller?
Eine sauber eingerichtete Multisignatur Lösung mit Geräten verschiedener Hersteller kann verhindern, dass ein einzelner Firmware Fehler den gesamten Bestand gefährdet.
Verwendest du Adressen mehrfach?
Adresswiederverwendung sollte vermieden werden, weil bei bestimmten Adresstypen der öffentliche Schlüssel nach einer Transaktion sichtbar bleibt und später zu einer Angriffsfläche für Quantencomputer werden könnte.
Selbstverwahrung ist nicht automatisch sicher, nur weil die Bitcoin auf einer Hardware Wallet liegen. Die Sicherheit hängt davon ab, wie die Schlüssel erzeugt, gespeichert und verwendet werden.
Mein Fazit als Investor
Für mich zeigt der Coldcard Fall, wo die eigentliche Schlacht um Bitcoin stattfindet. Sie findet nicht nur beim Preis statt, sondern in der technischen Sicherheitsarchitektur, die das gesamte System zusammenhält.
2010 wurde ein Fehler im Bitcoin Code ausgenutzt. Beim Coldcard Fall konnte ein mutmasslich schwacher Zufallsprozess private Schlüssel angreifbar machen. KI beschleunigt die Suche nach weiteren Schwachstellen und Quantencomputer könnten langfristig sogar die heute verwendete Kryptographie selbst angreifen.
Andere Projekte wie Ethereum arbeiten bereits proaktiv an quantensicheren Lösungen. Bitcoin muss seine Kryptographie ebenfalls rechtzeitig weiterentwickeln und gleichzeitig eine Lösung für Millionen alte und möglicherweise gefährdete Adressen finden.
Für mich ist deshalb nicht die Frage, ob Bitcoin technisch angegriffen werden kann. Das wurde bereits bewiesen.
Die entscheidende Frage lautet, ob sich Bitcoin schnell genug anpassen kann, bevor ein Angriff kommt, der sich nicht mehr innerhalb weniger Stunden reparieren lässt.
Der Markt kippt täglich. Willst du blind reagieren oder Klarheit haben?
Der Coldcard Fall zeigt, wie schnell sich die Spielregeln verändern können. Heute geht es um einen Fehler in einer Hardware Wallet, morgen um Quantencomputer, Zölle, Unternehmenszahlen oder massive Kursschwankungen.
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